Die scheintote Glückssau im Kanal von Messina

KapelleWir haben die süditalienische Küste bezwungen. Jawohl – mit wenig Wind und daher mit mehr Motorstunden als erwünscht; mit sinkendem innerem Elan bei den stupiden Steuerstunden, mit großem Gebrumms und ständigen Vibrationen aus Ilvas Bauch. Die Nächte waren voll von Disco-Gedröhne bis in die Morgenstunden – egal auf welchem Ankerplatz wir auch waren. Die Krönung war meist ein Feuerwerk in Richung Wasser, man will ja keinen Waldbrand entfachen. Davon abgesehen tröstete uns die Küste in Kalabrien mit abwechslungreichen Gebrigsformationen und an die Hänge geklebten Siedlungen – unser Billig-Gucker wurde sooft benutzt wie nie zuvor.

Der Landgang in Roccello war heißer als erwartet und überraschend abwechslungsreich – eigentlich wollten wir ja zur imposanten Burgruine, Betätigung für unsere ungenutzten Seglerbeine – gefunden haben wir Feigen und Trauben stibitzend nicht nur einen entspannten Auslauf, sondern auch einen scharfen Hund (größer als sein Herrl – größer und kolossaler, als alles Vorherige) und ein verschlossenes Tor bei der Ruine (stöhn!!), sowie eine Blasmusikkapelle beim vormittäglichen Konditionstraining. Während uns im Touristengwandl mit nur leichtem Handgepäck schon der Schweiß in Strömen die kurzen Hosen runterrann, stiegen 30 stramme Kalabrier in uniformeller Vollmontur (mit langen Hosen und Krawatte) und allem musikalischem Gerät samt 4 Tubas munter (wenngleich auch ein wenig spontan intoniert) begeistert gegeneinander trötend das „Bergerl“ rauf im flotten Marsch und zu Mamaberts Freude – vor uns auch wieder runter. Die Ohren ringelten sich mitunter ein wenig, aber wir waren beim gescheiterten Burgbergmarsch von erheiternder Marschmusik begleitet (das taugt und bringt das Herzerl in Schwung). Erfreut sprang auch unsere Glückssau hinterdrein.

Nach einem erfrischendem Bad gings ab Richtung Sizilien. Der Äthna hatte sich zeitgerecht zur Abenddämmerung aus den Wolken geschält, damit Kindbert auch wusste, „wofür wir das alles auf uns nehmen“. Wir bogen erneut rechts ab hinein zum lang erwarteten geschützten Stellplatz in einen Hafen, der (endlich seit Brindisi) wieder Diesel hatte und uns eine gute Startposition für die Messinastrassendurchquerung sichern sollte. Ohne dass wir es merkten, bekam die Glücksau bei dem Gedanken daran schon Panikattacken.

00.40 Uhr, es dunkelte schwer (ja wir sind keine FrühaufsteherInnen, klar) als wir per Handypeilung den Hafen erreichten – Wind kam auf, allerdings wieder aus Nord, also falsche Richtung und auf Höhe des angegebenen Hafens: kein rotes oder grünes Licht, keine Betonnung, kein Blitzfeuer, kein Garnichts, außer einer unbeleuchteten riesigen Hafenmauer. Da sollte doch ein Hafen sein?! Die Glückssau röchelte schon, aber wir hörten es nicht…… – also draußen einen Ankerplatz suchen, schon wieder ankern, schon wieder Swell — diese Meckereien fanden ein jähes Ende als unbeleuchtet neben uns hohe, rostig-alte Stahlkonstruktionen aus dem Dunkel auftauchten, immer mehr werdend, gerade da, wo doch verlockende 5-10 m Wassertiefe unser fester Boden für die Nacht sein sollten – die Sau fällt stocksteif um…. – rasch da weg und etwas weiter hoch motorend wurden die Nachteulenaugen des Kapitäns nochmals weit, als – gerade noch rechtzeitig für eine Wende ausnehmbar ein paar Meter rechtsab runde Fischzuchtanlagen sichtbar wurden.

Rasch da weg – Mamabert wurde als (nachtblinder) Ausguck mit Taschenlampe in den Bugkorb beordert. Der Glückssau treten vor Atemnot die Augen aus den Höhlen – gemma, gemma noch nördlicher vielleicht ist ja dort —- aber nein, da ist nix an der Küste, nur eine Sperrzone, die auch noch umrundet werden will. Sch…….. Die Glückssau sieht vor sich einen dunklen Tunnel und danach ein Licht….. rasch noch ein Check mit dem Handy, steuern, schauen, alles gleichzeitig, aber kein Platz in Sicht, also dann wiederwillig noch weiter rauf in die Straße von Messina bei Nacht. Der Wind frischt auf und aus dem Nichts die erste hohe Welle hebt den Bug und (kaum zu glauben bei der herrschenden Schwerkraft) Mamabert auch – ein Schrei entfährt ihr: einen Augenblick der Bodenhaftung beraubt, krallt sie sich fest und kriecht auf allen Vieren ins Cockpit zurück. Ilva hüpft auf und ab wie ein spanischer Stier beim Rodeo hin und her – scheinbar kreuz und quer. Ein Schweineengerl schwebt auf die Sau hernieder die reglos an Deck herumrollt. Es ist nix zu sehen – nur mehr spüren, dass alles auf und nieder geht —- wo ist Kindbert? Der schläft. Dem Gotte sei dank, auch wenns nur einer ist.
Noch zwei Stunden mindestens so weiter? Nur, wenn der Wind nicht noch stärker wird – sonst noch mehr Stunden? Wieviel Diesel ist noch im Tank? Egal. Umdrehen – egal wie, aber schnell“ – zwei Gehirne aber dieselben Gedanken. Gesagt getan. Wie? Keine Ahnung – eine Welle quer rauf und oben geschickt mit dem Wind gedreht und dann —— kaum zu glauben: Moderater Surf trotz zitternder Knie wieder retour. 7 Knoten.

Die Glückssau macht einen Schnaufer, rappelt sich auf und gibt dem Engerl einen (T)Rüffel mit auf seinen Weg nach oben.

Wieder retour. Das gibts ja gar nicht, wie lange dauerte das Desaster? Vielleicht 30 min, aber die waren hart. Wir glauben es kaum, aber bereits 30 Min später kann sich keiner vorstellen, dass um die Ecke das nächtliche Grauen lauert. Die Glückssau seufzt. Eine Stunde später treibt neben uns in stockdunkler Nacht ein Tretboot in zwei Meter Entfernung vorbei – in voller Fahrt. Hatte die Glückssau einen Rückfall? Keine Ahnung. Seit da an scheint sie stabil zu sein. Der Ankerplatz wurde rasch gefunden – das war auch notwendig, denn die Laune war im Keller. Die Sau lässt sich wieder gemütlich auf ihrem Platzerl auf Ilva nieder.

Und am nächsten Morgen? Frühstück, Baden und Dieseltank aufschrauben. Den genauen Dieselstand errechnen. Ist es notwendig, zu Fuß zur Autotankstelle zu gehen und Diesel aufs Boot zu tragen? Nein, noch 60 Liter mindestens. Für eine Strecke von 14 Nm. Na dann, wieder ran an die Wurst – wir wollen da durch, das ist fix. Dieses Mal im Sonnenschein und mit ganz viel Schwein unter Motor rauf bis Reggio. Wieder 5 Windstärken und steile Wellen, aber nicht so hoch und weniger von der Seite. Ilva hält sich wacker, wir sehen was und finden es gar nicht mehr wild. Wir beobachten Boote, Kitesurfer, Badende, endlich rein in den Hafen – glücklicher als unsere Sau. Schweres Anlegemanöver unter viel Wind aber dann: raus aus der Wäsche, duschen, kochen, essen, schlunzen, Bordkino, gemeinsam lachen.

Wir fühlen die City — Wünsche werden wach. Papabert will eine Hose, die nicht reißt, Mamabert eine dunklere Sonnenbrille, Kindbert W-Lan fürs seine Handywelt. Alles ganz normal. Wir liegen bei einem Bahnhof. Komisch. Wer will heim? Keine(r) – noch 30 Nm bis zum Stromboli Vulkan.

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Kategorien: Reise Angenehm | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Die scheintote Glückssau im Kanal von Messina

  1. voll der wahnsinn eure berichte!!! ich folge euch gespannt durch die weltmeere und harre eurer abenteuer. mir persönlich sind ja die wellen bei 3 beaufort rund um die insel murter schon aufregend genug:-) möge stets wind in euren segeln, diesel in den tanks und glückssäue an bord sein!
    liebe grüße waltraut

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  2. Voll der Wahnsinn, eure Berichte! Ich folge euch atemlos durch die Weltmeere -mir persönlich ist ja schon der Wellengang bei 4 Beaufort im Motorboot rund um murter suspekt:-))) möge der Wind in euren Segeln sein, Keilriemen nicht heiß werden, Häfen euch mit Festbeleuchtung empfangen die Laune der Crew gehoben bleiben! Viva das glücksschwein, ahoi an alle und ich harre gespannt eurer weiteren Berichte! Waltraut

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  3. Voll der wahnsinn, eure Berichte, ich brauch keine Krimis mehr! Mir persönlich reichen ja schon die Wellen bei 4 Beaufort im Motorboot rund um die Insel murter:-))))) ich bin starr vor Staunen und Bewunderung und harre gespannt auf eure nächste Etappe! Grüße an die gesamte Crew, auch von Kolja, ahoi und Viva la Glückssau! 🙂
    Waltraut

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