Von Porto Venere bis Marina di Cecina

„Schau mal, können wir da durchfahren?“, frage Max. Er zeigte mir die Karte. Auf dem Weg in die Bucht von La Spezia könnten wir eine Meerenge durchqueren, da würden wir sicher eine Stunde Fahrtzeit sparen. Ansonsten müssten wir rund um eine Felsinsel, sind ein paar Meilen extra. Gut. Das Problem war nur: Die Einfahrt sah eher aus wie eine Garageneinfahrt für Mopeds. Aber: Es wurde schon langsam dunkel und wir wussten nicht, was uns in der Großbucht von La Spezia erwarten würde.
Nun ja, es hatte dort in der Durchfahrt mindestens zwei Meter Wassertiefe, das würde sich ausgehen. Und breit waren wir ja ohnehin nicht. Es war auch eine beleuchtete Tonne eingezeichnet. Nun gut, wir würden es versuchen. Eine Stunde einsparen war immer gut, wer weiß, wie lange es noch dauert bis zum ersten Sundowner?
Wir kamen der Stelle näher. Langsam aber sicher schob uns unsere Maschine der Ligurischen Steilküste näher. Schon vorher beobachteten wir Orte, direkt in die Steilküste gebaut. Vom Meer aus sah das verdammt spektakulär aus.
Das musste Riomaggiore sein. Der südöstlichste Ort der „Cinque Terre“, ein klimabegünstigter Küstenstreifen an der ligurischen Küste, ein Nationalpark, in dem nichts mehr verändert werden darf – zum Glück. Das nächste Reiseziel war damit schon markiert. Wandern bei Riomaggiore – wer kommt mit?
Je weiter wir der Meerenge kamen, desto mehr Details erkannten wir. Rechts der Durchfahrt begrenzte eine Insel den Schlitz, links das Festland, die Steilküste Liguriens.
War das ein Fort, dort gleich links neben der Durchfahrt? War das eine Kirche, direkt am Felsen, die die Einfahrt begrenzt? Wir Staunten im Minutentakt. Woh, Ah, Oh, … uns blieb der Mund offen stehen.
Ein Großes Fischerboot kam uns entgegen – mit Volldampf. Die hatten es eilig. Ok, also hier wird durchgefahren, das war nun erst sicher. Es war nun schon fast ganz dunkel. Dann die Durchfahrt, ca. dreißig Meter breit. Tatsächlich schiffbar war aber nur ein schmaler Kanal. Links neben uns am Felsen stand eine genial aussehende Kirche aus Marmor, dahinter eine Festung, rechts von uns ein schroffer Felsen; und gleich hinter der Kirche das erste Restaurant, direkt an der Durchfahrt gelegen. Nur Gäste waren keine zu sehen.
Kaum hundert Meter weiter öffnete sich die Durchfahrt zu einer Bucht. Wir fuhren mitten durch einen Ort, der aussah, als hätte ihn Friedensreich Hundertwasser vorher gemalt und eigenhändig in den Fels gemeißelt. Haus an Haus, jedes mit einer eigenen Optik, jedes mit einer eigenwilligen Fassade. Manche waren leicht schräg nach hinten gelehnt, andere standen gerade. Es war ein Traum, hier im Schneckentempo vorbeizugleiten. Kein Fenster war mit einem anderen nur irgendwie auf einer Linie. Hundertwasser halt.
Direkt vor uns ragte ein kurzer Steg in die Bucht. Da lagen kleinere und größere Yachten. Direkt vor uns waren noch zwei Plätze frei. Was wäre nun besser, als hier festzumachen? Nichts. Und so lagen wir fünf Minuten später vor einer Traumkulisse, die schöner nicht sein konnte. Zum Glück hatten wir uns vorher nicht über den Ort informiert, der Überraschungseffekt wäre dahin gewesen. Nicht immer bringt ein Reiseführer Glück!

Nur eines war nicht ganz klar. Es konnte uns niemand sagen, wem dieser Steg gehörte, und ob es hier ein Marinabüro gab. Auch der freundliche Engländer neben und war gerade erst gekommen. Seine Kinder schliefen, er saß mit seiner Frau bei einer Flasche Wein im Cockpit.
Er beruhigte uns, in dem auch er sagte, er werde morgen einfach mal nachsehen gehen. Na dann, prost.
Wir besuchten die Gassen, den Hafen – in dem bis auf ein paar Ausnahmen und entgegen St. Tropez – nur kleine Fischerboote lagen. Eine Perle sagten wir uns, eine Perle so nahe an Österreich. Wie lange fährt man hierher mit dem Auto?
Ein Hotel bestand aus einem Turm einer Burg, die direkt angeschlossene – wahrscheinlich noch ältere Kirche mit schiefem Eck war ein Bürogebäude, das Dach der Kirche die Terrasse für gutbetuchte Urlauber, die hier nächtigten. Ein Wahnsinn für das Augerl.
Tatsächlich war der Ort eine Halbinsel. An seiner Nordseite, das konnten wir in der Nacht noch gut beobachten, musste hier der Fels abgebaut worden sein. Die tiefen Einschnitte sahen irgendwie künstlich aus, luden aber zum Baden ein. Das Wasser war herrlich sauber, die Felsen dunkel, wie Marmor. Man fühlte sich zurückversetzt in die 60er Jahre, als die Menschen noch knappe Badehöschen trugen und mit dem VW-Käfer an den Strand fuhren.
Recherchen ergaben, dass hier früher mal der „Nero Portoro“ (das bedeutet Schwarz-Goldener Stein aus dem Hafen) abgebaut wurde, einer schwarzer Kalkstein, der nur hier in Ligurien vorkommt; durchzogen mit goldenen oder weißen Adern, für Kunstobjekte, kleine Briefhalter oder Tintenfässchen.
Nun konnte man deutlich die Spuren des Abbaus erkennen. An jeder Ecke rund um den Ort wurde abgebaut. Auch die Mole war mit großen Steinen durchsetzt, die allesamt nach Marmor aussahen – antiker Reichtum. Der ganze Ort – eine Zeitreise!

Doch schon am nächsten Tag mussten wir weiter. Der letzte Reisetag stand bevor. Wir mussten Cecina erreichen. Dort würden wir von Mamabert samt Freundin empfangen werden. Na dann – Aufbruch! Aber vorher noch zum Hafenmeister. Nur: Wo war der? Der Tankwart der nahen Autotanke war so freundlich, den Hafenmeister anzurufen. Er kam prompt und verlangte 50 Euro. Mille Grazie! Wir werden wieder kommen, wenn einst Ilva in Cecina liegt! Oh ja!
Vor Marina di Cecina ragt ein Atomkraftwerk fast bis ins Meer. Ein Atomkraftwerk? Aha, deswegen ist der Hafenplatz so billig. Aber nein, sagte man uns, das ist kein Atomkraftwerk, sondern ein Werk für die Soda-Erzeugung. Ok, Soda braucht man ja hin und wieder – spätestens im Cocktail tut Soda gut. Also dann – bitte weitermachen.
Entlang der Küste ging es gegen den Wind weiter Richtung südost. Mindestens vier Windstärken waren das schon. Dementsprechend langsam schoben wir uns in Richtung Cecina. Der Bug ging auf und ab. Die heranrauschenden Wellen machten aus der Fahrt einen Ritt auf einem wild gewordenen Stier.
Herbert nutzte die Vorschiffskabine für ein erholsames Nickerchen, während wir schon hundert Rodeo-Punkte erhalten haben mussten. Immer wieder hob er am Bauch liegend ab – und setzte im Wellental wieder auf. Was hatte er wohl geträumt?

Der Hafen sah irgendwie anderes aus als auf der Karte. Die Einfahrt? Rechts? Links? Wo? Ja, dürfte neu angelegt worden sein, die Einfahrt war auf der anderen Seite. Ok, nun wussten es auch wir.
Der Empfang war so, wie man sich einen Empfang vorstellt. Mamabert mit Babybauch und in schönstem Weiß gekleidet, unsere Freundin, mit der wir auf Cabrera waren und die in Monfalcone schon unsere Panne mit dem einlaufenden Tankwasser miterlebt hatte, war auch da. Was konnte es Schöneres geben? Die Marineros waren schon nach Hause gegangen und hatten Mamabert noch den Platz gezeigt, in den sie uns einweisen sollte. Ab 19:00 Uhr war hier keiner mehr zu sehen. Also wenn Mamabert da ist, brauchte es auch keine Marineros. Wer hatte schon mehr Erfahrung im Anlegen als Mamabert?
Auch hier in Cecina waren im Hinterland sehr schöne Ort versteckt. Klar, das ist doch schon die Toskana! Hier liegt Elba nur 25 Seemeilen entfernt, andere Inseln des „Arcipelago Toscana“ noch näher, Korsika 60 Seemeilen. Wir finden es hier sehr schön, sehr urlaubswert. Und die Freundlichkeit der Italiener bestätigt uns darin, noch für ein paar Jahre hier zu verweilen, um das zu tun, was das Leben über alles hinweg lebenswert macht: Segeln und Freunde haben.

Kategorien: Reise Angenehm | Hinterlasse einen Kommentar

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