Salzverkrustet – Familie Bert unterwegs im Mare Nostrum

DSC01359Nachdem nun die Veröffentlichung unseres Reiseberichts langsam aber sicher Gestalt annimmt, wollen wir mal einen kleinen Vorgeschmack geben: Die Einleitung des Buchs, als kurze Einstimmung aufs Geschehen. Es ist eine Traumsequenz mit dem Thema: Angst vor dem Mistral im Golf von Lyon.Wir freuen uns auf das erste Buch aus dem Hause „Bert“.

Salzverkrustet

Familie Bert unterwegs im Mare Nostrum

18. Juli 2014. Es ist 1:13 Uhr, stockdunkle Nacht. Kurs 65. Es geht Richtung Côte d‘ Azur quer zum Golf von Lyon. Wir haben die Überfahrt gewagt, queren gleich den ganzen Golf, hundert Seemeilen liegen noch vor uns. Wir sind mitten am Ozean; umgeben von Wasser und Sternen.
Das Wetter ist gut. Mindestens drei Tage lang sollen angenehmste Bedingungen herrschen. Nun ist Wind aus Nordwest aufgekommen. Nicht viel, aber immerhin mehr als in der Vorhersage. Wir sitzen zu zweit im Cockpit, trinken Grüntee und essen Kekse. Chips hängen uns schon zum Hals raus.
Der aufkommende Wind gefällt uns gar nicht. Wir checken nochmals die Wetterdaten am Handy und schauen ob wir etwas übersehen haben. Der Mistral wütet hier 300 Tage im Jahr. Orkanartig. Unter Seglern einer der gefürchtetsten Winde Europas.
Alfons checkt die Wetterdaten am Handy. Es dürfte nicht mal ein Hauch zu spüren sein, nicht in der Nacht. Gut, dann wird sich das gleich legen. Vermutlich nur ein kleines Spielchen der Elemente. Noch bevor wir wissen, was vor sich geht, hat Ilva um zwei Knoten beschleunigt und stampft auf einmal durch die anrauschenden Wellen.

Alfons fällt der Keks aus der Hand. Er ist zum ersten Mal auf einem Segelboot. Er ist eigentlich mehr ein Freund von rollenden Mutterleibern, sogenannten Autos, die auf der Straße so gar nicht von irgendwas abhängig sind, außer von Benzin vielleicht. Segeln in der Nacht ohne was zu sehen ist so gar nicht sein Ding.

Das AIS vermeldet einen Alarm. Nun gut. Ein Tanker kreuzt unseren Kurs. Bei den längeren Überfahrten passiert das manchmal alle zehn Minuten. Die großen Schiffe kommen von Marseille und fahren Richtung Barcelona. Ich hechte zur Windvane nach hinten aufs Achterdeck und versetze unseren Kurs in Richtung 70 Grad. Das wird sich ausgehen. Und der Wind wird sich auch gleich wieder legen, versichere ich Alfons. Die Handy-Wetterdaten haben bis jetzt immer gestimmt.

Es trifft uns die nächste Böe. Es ist keine Böe, es ist Wind, stetig, kräftig. Er ist kühl und trocken, so wie der Mistral. „Habe ich gerade Mistral gesagt?” Wir gehen kein Risiko ein“, rufe ich Alfons zu. Wir reffen die Segel. Groß ins zweite, auch die Genua machen wir kleiner. Hier ist etwas im Gange, nur was? Die Wellen sind – Angst und Dunkelheit abgezogen – schon sicher zwei Meter hoch. Ich tue so, als sei das alles normal und gebe mich abgebrüht. „Das ist nur ein kleiner Druckunterschied hier mitten im Golf. Das müsste sich gleich legen; hatten wir schon öfter“, sage ich, ohne aber bald selbst nicht mehr dran zu glauben. Max schaut mich finster an. Vielleicht denkt er, ich verarsche ihn?

Mittlerweile ist Heribert, das dritte Crewmitglied erwacht. Er hängt zwischen den Handläufen im Salon. „Ist alles ok“, beruhige ich ihn. Der Wetterbericht verspricht eigentlich Flaute zwischen 22 und 6 Uhr. „Das wird sich gleich legen. Aber wenn wir schon dabei sind, legen wir doch gleich die Rettungswesten an“, höre ich mich sagen, „wer weiß, was noch kommt.“

Und es kommt. Der Wind nimmt stetig zu; schon mindestens Windstärke fünf. Die Wellen schieben sich unter uns durch wie Züge. Weiße Schaumkronen erscheinen im Dunkel der Nacht und verschwinden so schnell, wie sie heranrollen. Manche Brecher überschlagen sich schon. Sie zischen laut.

Max wird langsam aber sicher unwohl. So habe er sich das nicht vorgestellt. „Das Wasser kann Ilva nichts anhaben“, versichere ich ihm, „niemals! Bei dem Wind sind wir jedenfalls schneller da als erwartet“, sage ich. Ein bisschen Optimismus tut immer gut. Heribert gesellt sich auch ins Cockpit. Im Seglergewand und mit Stirnlampe versucht er, sein Buch fertig zu lesen. Die erotischen Schriften von Georges Bataille. Na gut, da wird ihm sicherlich warm ums Herz, denke ich.

Ein lauter Knall. Verdammt, was war das? Ein Ruck geht durch das Schiff mit samt ihren an Bord befindlichen Urlaubern, gefolgt von einem lauten Kratzen unter uns. Ein paar Sekunden lang. Eine gefühlte Ewigkeit. Wir beugen uns über die Reling, neigen unsere Köpfe Richtung Wasser, versuchen, im schwarzen Nichts was zu erkennen. Was geht da vor sich?

Eine weitere Böe trifft uns. „Verdammt, die Segel müssen weg“, denke ich, bevor mich die Schräglage an die Wange von Heribert drückt. Dazu kommen jetzt die Wellen wie Panzer aus Richtung Nord und ergänzen sich mit dem Wind. „Wir können doch gar nichts dafür“, denke ich, „wir sind doch nur unschuldige Bergmenschen mit dem Hang zum Überschwang! Nur ein bisschen Spaß, mehr ist es doch gar nicht!“

Heribert is not very amused. Er holt sich seine Seglerjacke, verschwindet im Niedergang. „Hat jemand von euch ein Fenster offen gelassen?“, fragt er. Wir verneinen und fragen warum. „Da schwappt Wasser im Boot.“ Was? Wie? Wasser im Boot? Ich steige nach unten. Tatsächlich. Ein kleines Rinnsal, je nach Lage mal hier mal dort. Eine leere Kekspackung schwimmt oben auf. Es ist nicht zu sehen, woher das Wasser kommt. „Wie lange brauchen wir noch bis Marseille?“, denke ich.

Ich krame die Karten hervor, trage schnell unsere jetzige Position ein und messe. Immer noch 35 Seemeilen. Das sind mindestens sechs Stunden. Bis dahin wird es jedenfalls schon hell sein. Ich spüre, wie das Wasser langsam aber sicher höher steigt. Ich reiße ein Schapp nach dem anderen auf, hole mir die Taschenlampe und schaue, wo dieses verdammte Wasser herkommt. Es ist jedenfalls Salzwasser; also kommt es von draußen. Die Sache mit dem einlaufenden Wasser hatten wir schon mal. Damals war es aber nur das Trinkwasser vom bootseigenen Tank. Nun garantiert nicht. Es ist salzig und schmeckt nach Angst. Ich kann nichts entdecken, kein Loch, keinen Riss. Aber alle Verkleidungen kann ich auf die Schnelle nicht entfernen. Und schon gar nicht bei dem Geschaukel.

Hatten wir tatsächlich etwas gerammt? Nach Norden sind es nur etwas über zwanzig Seemeilen. Das wäre aber fast gegen den Wind, also sehr langsam und holprig. Wir besprechen kurz die Lage und beschließen, nach Norden zu gehen, an die Küste, in den Hafen oder in der Nähe von Land. Jeder hier möchte Land spüren, auch Ilva. Es geht jetzt nicht mehr um Urlaub. Es geht um mehr.

Der Wind hat nochmals zugelegt. Windstärke sieben. Mistral aus Nordwest. Wir rollen die Genua ein, entkoppeln die Windvane und schießen in den Wind. Manche Brecher schlagen schon aufs Deck. Das Wasser brennt in den Augen.
Maschine starten. Ich schiebe mich zum Steuerstand und drehe den Zündschlüssel rum. Sie startet nicht. Nochmals. Vorglühen, ganz langsam bis sieben zählen, dann den Schlüssel – rumdrehen. Der Starter rattert, aber die Maschine kommt nicht. Ich habe schon lange beschlossen, nicht mehr zu fluchen.

Ich versuche es nochmal. Ich denke an einen schwarzen Verlängerten mit Cremeschnitte bei der Aida im neunten Bezirk in Wien, an Sonnenschein, verspiegelte Wände, an die Kellnerinnen in ihrem rosa Dress. Ich denke an die Vitrine mit ihren Köstlichkeiten, an Kardinal-Schnitte und Majonaise-Ei. Sieben. Nochmals starten. Der Starter rattert, nichts passiert. Wir sitzen im Cockpit wie auf einem wild gewordenen Stier und schauen uns an. Unsere Blicke hatten sich verändert. „Wer will noch Tee?“, höre ich mich sagen. Niemand wollte Tee.

Quak, Quak, Quak. Brummen. Quak, Quak, Quak. Brummen. Ich öffne die Augen und reiße die Tür zum Cockpit auf. Mamabert und Kindbert liegen auf den Cockpit-Bänken. Beide heben die Köpfe; ich sehe nichts als Zähne, so dunkel ist es. Nichts von Wind, Unruhe, Nervosität oder gar Wellen zu sehen, wie wenn man die Luft anhält und die Augen schließt.
Ich habe geträumt, jetzt ist es fix. Niemand bewegt sich. Worte werden gewechselt, der Himmel bestaunt. Eine schöne Szenerie. Die Maschine brummt im Einheits-Ton, der Autopilot bemüht sich. Fast kann ich es nicht glauben. Ich beruhige mich. Meine Schicht beginnt. „Wir kommen bald in die Nähe der Küste“, vermeldet Mamabert. „Ach ja, danke, ich komme gleich. Nur noch 5 Minuten.“ Ich knalle meinen Kopf in den Polster, schalte das Gequake des Handys ab. Ich muss mich noch kurz erholen von diesem Traum.

Kategorien: Reise Angenehm | Hinterlasse einen Kommentar

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