Vom Unterschied zwischen Wasser und Land

On Saturday, November 29, Team Vestas Wind«s boat grounded on the Cargados Carajos Shoals, Mauritius, in the Indian Ocean. Fortunately, no one has been injured.

On Saturday, November 29, Team Vestas Wind«s boat grounded on the Cargados Carajos Shoals, Mauritius, in the Indian Ocean. Fortunately, no one has been injured.

Auf diesem Bild stimmt etwas nicht. Oder bin ich auf einem Auge blind? Oder hat ein Computer ein Bild falsch generiert? Liegt da eine Yacht im Niemandsland? Ja. Hier liegt eine Yacht im Niemands“land“, mindestens eine Million schwer und schön aussehen tut sie auch noch. Sie steckt im Sand, ihr Mast ist noch gut, die Segel vielleicht auch noch, vielleicht ist da jede Menge noch gut – außer dem Kartenplotter. Also den würd ich nicht mitgehen lassen, wenn ich da jetzt ein Räuber wär. Es ist wirklich ein Land, in dem diese Yacht liegt, das Niemandsland, ohne Straßennamen oder beschilderten Mistkübeln.

Gut. Man kann nicht sagen, eine Yacht brauche ihr Land nicht. Denn wenn sie repariert werden möchte, dann liegt sie gerne auf Böcken auf Asphaltplätzen ohne Beschattung. Oder auf Wiesen zwischen Maulwurfshügeln und Vogelnestern.

So ein schönes Schiff, so eine schöne Erfindung, ein technisches Wunderwerk, ein Kulturgut – meiner Meinung nach. Aber was zählt das schon. Dieses ausgeschiedene Stück Kultur liegt ziemlich weit weg von dem Ort, wo es produziert wurde. Ja, das ist doch üblich bei einem Segelschiff. Stimmt, der Leser hat immer Recht. Aber trotzdem hat das nicht nur Vorteile. Ähnliches kulturell hochgezüchtetes Material gibt’s dort nämlich nicht, deswegen ist ja die Bergung, ähm, Reparierung, ähm Totalrestaurierung, ähm die Mitnachhausenahme so einfach. Es gibt dort weder Schweißbrenner, noch Akkuschrauber, weder Bolzenschneider noch Brotmesser.

Aber vielleicht ist die Bergung schon geschehen, mit einem Kran von der Insel dort, einem Kranfahrer, der ausnahmsweise mal nicht voll mit Gras ist und einem LKW, der mit Biotreibstoff alles schonend in eine Müllverbrennungsanlage bringt, die dann den ganzen feuchten Schrott zu elektrischer Energie verarbeitet. Kein Biostrom – leider, ist dann Yacht-Strom.

Nichts von dem, was auf der Yacht verfügbar ist, gibt’s sonst noch wo. Gar nichts. Weder das Süßwasser im Süßwassertank, Glas- und Kohlefasern? – Fehlanzeige. Stahl? – vielleicht tausend Meter unter dem Meer. Aluminium? Ach ja, der Kochtopf dieses Renndampfers ist sicher aus Aluminium. Die Kochgelegenheit muss schön leicht sein, damit das Schiff schnell fahren kann. Dieses Teil ist nämlich eine Rennyacht, die mit 18 Knoten – das sind 33,336 km/h – auf einen Steinklotz aufgelaufen ist, der 30 Kilometer lang ist. Der größte Teil dieses Steines liegt auf eine perfide Art leicht unter dem Wasser, wo man ihn wirklich nicht sehen kann. Man kann ihn vielleicht erahnen, wenn man auf den Zettel guckt, auf dem groß „Seekarte“ steht. So alle paar Stunden sollte man das machen. Bestenfalls einmal am Tag. Also das ist jetzt nur eine Empfehlung.

Der liebe Onkel hier sagt euch mal was: Ein Rennen ist immer gefährlich. Die Gefahr viel zu groß, dass man nur ans Gewinnen denkt und dann – ohne dass man es merkt – alles andere außer acht lässt. Ich meine wirklich „alles“ außer Acht lassen, denn außer diesem ehemaligen Vulkan gibt es dort wirklich nichts. Also: ziehen wir mal alles ab, was an dieser Stelle – an diesem Foto – so unwichtig ist, dann haben die Alkoholiker auf diesem Schiff wirklich ALLES außer Acht gelassen. Im Prinzip sogar sich selber. Einen dreißig mal zehn mal drei Kilometer großen Stein.

In segler-geschwängerten Foren des Netzes ist eine Debatte darüber entbrannt, ob man zu diesem Fall sagen darf, dass die, die diesen Unfall verursacht haben, absolut kirre sind. Bobby Schenk tat sich als Moralapostel hervor – und wurde wüst beschimpft. Ich würde sagen: Nein. Diese Menschen sind nich kirre, sie sind absolut seriös. Diese Typen haben so gar keine Scheu von solchen Kleinigkeiten, denn sie sind kurz darauf weiter gefahren. Haben das Schiff gewechselt. Rennfahrer ist eben Rennfahrer.

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Giovanni Passanante – Anarchist. Ein Nachruf unter die Erde.

PassananteIhr habt lange nichts von uns gehört. Das heißt aber nicht, dass wir nicht aktiv waren. Wir waren auf Elba. Ja! Auf Elba. Insel Napoleons und der Medici. Kaum zu glauben, dass wir es mit der Fähre so weit geschafft haben! Wind und Wetter waren gegen uns. Dazu noch die Wellenhöhen. Gar nicht passend zum Schaukel-Rhythmus, den Zwergibert derzeit benötigt. Aber seis drum: Mit Bahn und Schiff kommt man bequem nach Portoferrario – um nicht zu sagen perfekt! Wieder einer dieser Orte, an die es uns scheinbar ständig zieht!

Mitten im alten Hafen – eigentlich begrenzt er die Hafeneinfahrt steuerbords – steht der Torre del Martello – der Hammerturm. Von den Medici erbaut, 500 Jahre alt. Heute schaut er eher aus, als ob er im ersten Weltkrieg erbaut worden wäre – mit glatten Wänden, achteckig, wehrhaft, grauenerweckend, rationalistisch, hässlich – und doch macht ihn seine Geschichte zu einem Bauwerk, das man erhalten muss – für die Nachwelt. Damit sie sieht, wozu Menschen fähig sind.

Denn dort hat sich eine Geschichte zugetragen, die auch müde Urlauber in eine Schockstarre versetzt. Wie kann es denn sein, dass dort im Torre del Martello – unterhalb der Meereslinie – ein Mensch – Giovanni Passanante – in einem 1,40 Meter hohen Raum ohne Licht und Fenster zehn Jahre überleben konnte? Zehn Jahre in absoluter Finsternis in einem kalten, nassen Verlies aus Felsen und Nässe, die aus den Steinen sprudelt? Zehn Jahre, das sind 3650 Tage ohne Zuspruch, ohne Sozialität, ohne Menschlichkeit! Es heißt, die ein- und auslaufenden Fischer hätten Passanante schreien gehört. Zehn Jahre lang.

Wenn man sich die Szenerie vom hoch gelegenen Forte Falcone ansieht, läuft es einem kalt über den Rücken. Die menschliche Leidensfähigkeit kennt scheinbar keine Grenzen. Und die menschliche Grausamkeit ebenso wenig.

Gut. Passanante war ein Übeltäter, das muss man sagen. Er hatte im Jahr 1878 versucht, König Umberto mit einem Messer zu töten. Gut, muss man sagen, das gehört sich nun wirklich nicht. Wie krank muss man sein, das versuchen zu wollen? Mit einem Messer auf offener Straße? Vielleicht hat er sich bewusst für den Widerstand geopfert? Wer weiß? Vielleicht wollte er ein Zeichen setzen: dass man sich auch gegen die Monarchie auflehnen KANN – dass es möglich ist – seht her!! Es bringt zwar nichts und bringt mir ein paar Probleme, aber machen KANN man es!! Seht nur her – und nehmt euch ein Beispiel! Ihr lahmen Pfützen !°!

Vielleicht hat Passanante genau das gedacht. Wir werden es nie erfahren. Wir wissen nur, dass er an einer 18 kg schweren Eisenkette hing. Wir wissen nicht – und können uns nicht vorstellen, wie sich das über die Jahre anfühlt. In Dunkelheit und Kälte, blind, ohne Sinne, in einem leeren Universum ein- und ausatmen.

Nach zehn Jahren wurde Passanante in ein Irrenhaus, in das Montelupo Fiorentino der Villa Medici L‘Ambrogiana gebracht. Dort blieb er zwei Jahre lang am Leben, ehe er 1910 Selbstmord beging. Sein Kopf wurde abgetrennt und ins Kriminalmuseum nach Rom gebracht und ausgestellt.

Da steht man nun und beschaut diese wundervolle Insel. Man sieht Wälder, Bergketten, Steilküsten, Strände und Buchten, fein gezeichnete Täler, Pinien, Föhren, Schiffe in allen Größen, Häfen, Kinder mit Eistüten, kleine Inselhopper-Autos, rauchende Schülerinnen und sonnenhungrige Urlauber aus Pisa. Und mitten unter ihr – eine Geschichte, ganz nahe, ganz schauderhaft, ganz real, ganz irre, ganz europäisch.

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Valentinstag – ein Tag, um sich in eine Yacht zu verlieben

Der Valentinstag kann ohne Blumen und Pralinen gefeiert werden. So wie der Zeit-Artikel vom 12. Februar schreibt, ist das Verleben des Valentinstages auch auf einer Insel möglich. Auf einer Insel in der Müritz oder auf der kroatischen Insel Galesnjak, beides Inseln in Herzform. Anscheindend wollten schon viele diese Inseln kaufen – um was zu tun? Sich liegend hinter Grasbüschel zu verstecken? Um endlich mal dieses verammte Wasserklosett loszuwerden? Oder vielleicht, um sich einfach nur an der Herzform der Insel zu erfreuen? Niemand wird es je erfahren.
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Man könnte sich aber auch daran erfreuen, eine Yacht zu renovieren. Gerade der 14. Februar ist dafür ganz sicher ein gutes Datum. Man könnte bei der Kälte mal den Innenausbau lackieren. Je kälter desto besser – denn dann trocknet der Lack langsamer – is für ein tolles Finish ja – was soll ich sagen – DIE Bedingung!
Man könnte aber auch den Sessel (auf dem Bild zu erkennen) hernehmen und sich damit mit Schleifmaschine und Staubsauger dafür opfern, den Gelcoat aufzurauen. Wenn er nicht schon rau genug ist.
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Ein Hang zum Extrem besteht bei uns Bootbauern ja in jedem Fall. Alleine der Wunsch, auf dem Wasser zu wohnen mutet doch extrem an. Wie viele normale Menschen haben so einen Traum? Ich meine hier „Traum“ im Sinne von „Wunsch“, nicht „Traum“ im Sinne von „Traum“. Denn träumen kann man ja eine ganze Menge. Während der REM-Phase ist ein Jahr auf dem Meer ja nichts Besonderes.

Nochmal zum Traum: Da beginnt man mit einer kleinen romantischen Idee. Verlockend, ahhh, sexy, (Yachten machen doch sexy, oder?), wie schön! Dabei weiß man aber nicht automatisch, dass einem dieser Traum nicht mehr so schnell loslassen wird. Nicht bevor dieses Ding vor der eigenen Nase im Wasser schwimmt, auf einen wartet und sagt: „Kapitain, der Latin Lover ist fertig serviert! Er wartet auf sie an der Dinette, gleich neben dem Logbuch und den Seekarten. Bitte nehmen sie ihn ein. Wenn sie wollen noch mit zwei Brocken Eis!“

Aber natürlich. Man könnte mit all der Träumerei schon aufhören. Jeden Traum kann man verwerfen, jedes Projekt zu Matsch zertrampeln. Man kriecht entweder aus dem Bett und vergisst, was gerade im Hirnareal abgelaufen war oder man verlässt die Baustelle, hängt den Blaumann an den Nagel, lässt das Ding vermodern, genauso wie den Wunsch, den man mal hatte. Den Traum von gestern hat man ja ohnehin vergessen, wenn man die Kaffeemaschine einschaltet.
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Man könnte auch warten, bis Bäume im Rumpf wachsen (Manche nennen das einen „Mast züchten“). Dann könnte man ein Maibaumsteigen organisieren. Vom Salon gehts über die Luke raus auf den Baum, höher, immer höher, bis zur Wurst. Die wird – einem österreichischen Brauch gemäß – abgeschnitten und als Trophäe mit nach unten genommen. So wie die Indianer oder Polynesier einer schlafenden Frau eine Locke vom Haar stehlen und sie ihren Freunden als Trophäe vorlegen. Diese Locke wird dann in einem Joint geraucht, quasi inhaliert, um den Geist dieser Frau auf das qualmene Selbst zu übertragen. Das ist ähnlich wie mit der Wurst, die wird auch gegessen. Der Geist der Sau wird quasi dann in das Selbst mit-übertragen. Ein Vorgang, den der gemeine Mitteleuropäer ja ziemlich oft wiederholt. Die Frage ist, inwiefern das Schwein vom Selbst nach außen dringt – oder – um es weniger plakativ zu formulieren – inwiefern sich das Schwein-Selbst ins Mensch-Selbst einpflanzt (oder dekonstruktivistisch gesprochen „aufpfropft“). Man könnte ja manchmal glauben, das Schwein-Selbst übernimmt sogar die Führung des Mensch-Selbst. Dann werden die Menschen selbst zum Schwein, schweinisch – sie zanken sich um Theaterkarten zum Beispiel oder an der Kassa beim Billa. Im Bett wird sich bei denen nichts regen. Deswegen müssen sie ihr Schwein-Sein anders ausleben. Das ist schade. Aber trotz allem ist das nichts anderes als einfachste Psychologie. Hat der Mensch, was er begehrt, wird er zum Lämmchen. Hat er es nicht – zum Schweinchen. Zwei Positionen. Eine Debatte auf höchstem Niveau tut sich hier auf. Wissenschaftler könnten sie verfolgen, diese Debatte. Sie könnte Analysen anstellen, Vergleiche, oder Beobachtungen. Auf jeden Fall nicht den Maßstab vergessen! Und nicht auf den folgenden Satz: Nimm dich in Acht vor den Ideen deines Gehirnes!
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Cecina Nummer 1

Cecina – Landhaus im Rosa-Sauber-Stil – direkt im Wald vor Cecina gelegen. Im dichten Gebüsch fast nicht auszumachen. Ein Weg führt dahin, scheint aber eine Sackgasse zu sein. Das Licht fällt fast waagrecht in den Wald. Bei Sonnenuntergang – wie ein Waldbrand, 5 MInuten davor. Wow, hier müsste Lars von Trier mal einen neuen Waldfilm drehen. Er könnte sich die Scheinwerfer sparen. Dringend benötigte Gasflasche besorgt. Oui Capitan. Hinter drei Hausecken und zwischen 2 scharfen Hunden mitten in Cecina gelegen. Das war nicht leicht herauszufinden – obwohl viele Menschen in der Stadt wahrhaftig dran mitgearbeitet haben – Tankwart, Fleischhacker, Verkäufer in der Eisenhandlung (2 Mal),  Einkaufszentrum – Mann mit breitem Grinsen, Verkäufer aus dem Modegeschäft – bei all der Fragerei gleich Bekanntschaften geschlossen. Gracie. Nun können wieder die Menüs aus der schiffseigenen Kombüse geliefert werden – mit Volldampf. Wann ist Ostern?

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Das Wasser und die Wüste

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Gestern fuhr ich mit der U-Bahn über die Donau. Ich sah aus dem Fenster, sah, wie der Wind das Wasser zeichnete, kleine Wellen aufpeitschte, es zerstäubte, aufriss und Wellenspitzen mit sich fort zog. So, als wolle er das Wasser stehlen. Ich dachte mir kurz, wie schön es wäre, wieder das Meer vor Augen zu haben. Das MEER! Es zu riechen, zu schmecken, es einzuatmen wie einen gellenden Geist; ich dachte zurück, an die schöne Zeit, als wir am Cabo de Gata die Farben der Steine zählten, in der ewigen Hitze der Wüste, der Gelbheit des Sandes, der Schönheit des Abfalls – in der hellsten Sonne, die man je gesehen hat.
Die Donau erschien mir mit einem Mal schmal und gleichzeitig breit wie eine Bucht, wie ein Meereskanal droben in Holland – wo wir auch immer wieder gerne hinkommen und uns an der Verbindung aus Mensch und Meer erfreuen! In aller Künstlichkeit haben sich beide vereint, sich lieben und hassen gelernt.
Die Szene machte mich glücklich und traurig zugleich. Ja, mir ist klar, warum das so sein MUSS. Es gibt immer zwei Seiten, immer plus und minus; immer mehr UND weniger; selten PLUS allein. Ach ja, das hatten wir ja während unserer Reise schon des Öfteren. Dieses Thema scheint mich auch hier zu verfolgen.
Warum mich das gewundert hat? Wahrscheinlich, weil der Blick aus dem Fenster mir wieder einen Eindruck gab von der Schönheit dessen, was früher jeden Tag normal war, auf Ilva – nämlich Wasser und Wind. Gibts noch mehr? Gab es jemals mehr Meer?
Man arrangiert sich ganz sicher irgendwann mit dem Auf und Ab, mit dem, was der Wind hinterlässt, mit dem, das man gerade in der Sekunde serviert bekomt. Ich hoffe, die Zeit verliert nicht an Geschwindigkeit und vergeht so schnell wie im letzten Jahr. Irgendwann kommt der Frühling – womöglich schon schneller als gedacht. Irgendwann schmilzt auch hier wieder das Eis.

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Salzverkrustet – Familie Bert unterwegs im Mare Nostrum

DSC01359Nachdem nun die Veröffentlichung unseres Reiseberichts langsam aber sicher Gestalt annimmt, wollen wir mal einen kleinen Vorgeschmack geben: Die Einleitung des Buchs, als kurze Einstimmung aufs Geschehen. Es ist eine Traumsequenz mit dem Thema: Angst vor dem Mistral im Golf von Lyon.Wir freuen uns auf das erste Buch aus dem Hause „Bert“.

Salzverkrustet

Familie Bert unterwegs im Mare Nostrum

18. Juli 2014. Es ist 1:13 Uhr, stockdunkle Nacht. Kurs 65. Es geht Richtung Côte d‘ Azur quer zum Golf von Lyon. Wir haben die Überfahrt gewagt, queren gleich den ganzen Golf, hundert Seemeilen liegen noch vor uns. Wir sind mitten am Ozean; umgeben von Wasser und Sternen.
Das Wetter ist gut. Mindestens drei Tage lang sollen angenehmste Bedingungen herrschen. Nun ist Wind aus Nordwest aufgekommen. Nicht viel, aber immerhin mehr als in der Vorhersage. Wir sitzen zu zweit im Cockpit, trinken Grüntee und essen Kekse. Chips hängen uns schon zum Hals raus.
Der aufkommende Wind gefällt uns gar nicht. Wir checken nochmals die Wetterdaten am Handy und schauen ob wir etwas übersehen haben. Der Mistral wütet hier 300 Tage im Jahr. Orkanartig. Unter Seglern einer der gefürchtetsten Winde Europas.
Alfons checkt die Wetterdaten am Handy. Es dürfte nicht mal ein Hauch zu spüren sein, nicht in der Nacht. Gut, dann wird sich das gleich legen. Vermutlich nur ein kleines Spielchen der Elemente. Noch bevor wir wissen, was vor sich geht, hat Ilva um zwei Knoten beschleunigt und stampft auf einmal durch die anrauschenden Wellen.

Alfons fällt der Keks aus der Hand. Er ist zum ersten Mal auf einem Segelboot. Er ist eigentlich mehr ein Freund von rollenden Mutterleibern, sogenannten Autos, die auf der Straße so gar nicht von irgendwas abhängig sind, außer von Benzin vielleicht. Segeln in der Nacht ohne was zu sehen ist so gar nicht sein Ding.

Das AIS vermeldet einen Alarm. Nun gut. Ein Tanker kreuzt unseren Kurs. Bei den längeren Überfahrten passiert das manchmal alle zehn Minuten. Die großen Schiffe kommen von Marseille und fahren Richtung Barcelona. Ich hechte zur Windvane nach hinten aufs Achterdeck und versetze unseren Kurs in Richtung 70 Grad. Das wird sich ausgehen. Und der Wind wird sich auch gleich wieder legen, versichere ich Alfons. Die Handy-Wetterdaten haben bis jetzt immer gestimmt.

Es trifft uns die nächste Böe. Es ist keine Böe, es ist Wind, stetig, kräftig. Er ist kühl und trocken, so wie der Mistral. „Habe ich gerade Mistral gesagt?” Wir gehen kein Risiko ein“, rufe ich Alfons zu. Wir reffen die Segel. Groß ins zweite, auch die Genua machen wir kleiner. Hier ist etwas im Gange, nur was? Die Wellen sind – Angst und Dunkelheit abgezogen – schon sicher zwei Meter hoch. Ich tue so, als sei das alles normal und gebe mich abgebrüht. „Das ist nur ein kleiner Druckunterschied hier mitten im Golf. Das müsste sich gleich legen; hatten wir schon öfter“, sage ich, ohne aber bald selbst nicht mehr dran zu glauben. Max schaut mich finster an. Vielleicht denkt er, ich verarsche ihn?

Mittlerweile ist Heribert, das dritte Crewmitglied erwacht. Er hängt zwischen den Handläufen im Salon. „Ist alles ok“, beruhige ich ihn. Der Wetterbericht verspricht eigentlich Flaute zwischen 22 und 6 Uhr. „Das wird sich gleich legen. Aber wenn wir schon dabei sind, legen wir doch gleich die Rettungswesten an“, höre ich mich sagen, „wer weiß, was noch kommt.“

Und es kommt. Der Wind nimmt stetig zu; schon mindestens Windstärke fünf. Die Wellen schieben sich unter uns durch wie Züge. Weiße Schaumkronen erscheinen im Dunkel der Nacht und verschwinden so schnell, wie sie heranrollen. Manche Brecher überschlagen sich schon. Sie zischen laut.

Max wird langsam aber sicher unwohl. So habe er sich das nicht vorgestellt. „Das Wasser kann Ilva nichts anhaben“, versichere ich ihm, „niemals! Bei dem Wind sind wir jedenfalls schneller da als erwartet“, sage ich. Ein bisschen Optimismus tut immer gut. Heribert gesellt sich auch ins Cockpit. Im Seglergewand und mit Stirnlampe versucht er, sein Buch fertig zu lesen. Die erotischen Schriften von Georges Bataille. Na gut, da wird ihm sicherlich warm ums Herz, denke ich.

Ein lauter Knall. Verdammt, was war das? Ein Ruck geht durch das Schiff mit samt ihren an Bord befindlichen Urlaubern, gefolgt von einem lauten Kratzen unter uns. Ein paar Sekunden lang. Eine gefühlte Ewigkeit. Wir beugen uns über die Reling, neigen unsere Köpfe Richtung Wasser, versuchen, im schwarzen Nichts was zu erkennen. Was geht da vor sich?

Eine weitere Böe trifft uns. „Verdammt, die Segel müssen weg“, denke ich, bevor mich die Schräglage an die Wange von Heribert drückt. Dazu kommen jetzt die Wellen wie Panzer aus Richtung Nord und ergänzen sich mit dem Wind. „Wir können doch gar nichts dafür“, denke ich, „wir sind doch nur unschuldige Bergmenschen mit dem Hang zum Überschwang! Nur ein bisschen Spaß, mehr ist es doch gar nicht!“

Heribert is not very amused. Er holt sich seine Seglerjacke, verschwindet im Niedergang. „Hat jemand von euch ein Fenster offen gelassen?“, fragt er. Wir verneinen und fragen warum. „Da schwappt Wasser im Boot.“ Was? Wie? Wasser im Boot? Ich steige nach unten. Tatsächlich. Ein kleines Rinnsal, je nach Lage mal hier mal dort. Eine leere Kekspackung schwimmt oben auf. Es ist nicht zu sehen, woher das Wasser kommt. „Wie lange brauchen wir noch bis Marseille?“, denke ich.

Ich krame die Karten hervor, trage schnell unsere jetzige Position ein und messe. Immer noch 35 Seemeilen. Das sind mindestens sechs Stunden. Bis dahin wird es jedenfalls schon hell sein. Ich spüre, wie das Wasser langsam aber sicher höher steigt. Ich reiße ein Schapp nach dem anderen auf, hole mir die Taschenlampe und schaue, wo dieses verdammte Wasser herkommt. Es ist jedenfalls Salzwasser; also kommt es von draußen. Die Sache mit dem einlaufenden Wasser hatten wir schon mal. Damals war es aber nur das Trinkwasser vom bootseigenen Tank. Nun garantiert nicht. Es ist salzig und schmeckt nach Angst. Ich kann nichts entdecken, kein Loch, keinen Riss. Aber alle Verkleidungen kann ich auf die Schnelle nicht entfernen. Und schon gar nicht bei dem Geschaukel.

Hatten wir tatsächlich etwas gerammt? Nach Norden sind es nur etwas über zwanzig Seemeilen. Das wäre aber fast gegen den Wind, also sehr langsam und holprig. Wir besprechen kurz die Lage und beschließen, nach Norden zu gehen, an die Küste, in den Hafen oder in der Nähe von Land. Jeder hier möchte Land spüren, auch Ilva. Es geht jetzt nicht mehr um Urlaub. Es geht um mehr.

Der Wind hat nochmals zugelegt. Windstärke sieben. Mistral aus Nordwest. Wir rollen die Genua ein, entkoppeln die Windvane und schießen in den Wind. Manche Brecher schlagen schon aufs Deck. Das Wasser brennt in den Augen.
Maschine starten. Ich schiebe mich zum Steuerstand und drehe den Zündschlüssel rum. Sie startet nicht. Nochmals. Vorglühen, ganz langsam bis sieben zählen, dann den Schlüssel – rumdrehen. Der Starter rattert, aber die Maschine kommt nicht. Ich habe schon lange beschlossen, nicht mehr zu fluchen.

Ich versuche es nochmal. Ich denke an einen schwarzen Verlängerten mit Cremeschnitte bei der Aida im neunten Bezirk in Wien, an Sonnenschein, verspiegelte Wände, an die Kellnerinnen in ihrem rosa Dress. Ich denke an die Vitrine mit ihren Köstlichkeiten, an Kardinal-Schnitte und Majonaise-Ei. Sieben. Nochmals starten. Der Starter rattert, nichts passiert. Wir sitzen im Cockpit wie auf einem wild gewordenen Stier und schauen uns an. Unsere Blicke hatten sich verändert. „Wer will noch Tee?“, höre ich mich sagen. Niemand wollte Tee.

Quak, Quak, Quak. Brummen. Quak, Quak, Quak. Brummen. Ich öffne die Augen und reiße die Tür zum Cockpit auf. Mamabert und Kindbert liegen auf den Cockpit-Bänken. Beide heben die Köpfe; ich sehe nichts als Zähne, so dunkel ist es. Nichts von Wind, Unruhe, Nervosität oder gar Wellen zu sehen, wie wenn man die Luft anhält und die Augen schließt.
Ich habe geträumt, jetzt ist es fix. Niemand bewegt sich. Worte werden gewechselt, der Himmel bestaunt. Eine schöne Szenerie. Die Maschine brummt im Einheits-Ton, der Autopilot bemüht sich. Fast kann ich es nicht glauben. Ich beruhige mich. Meine Schicht beginnt. „Wir kommen bald in die Nähe der Küste“, vermeldet Mamabert. „Ach ja, danke, ich komme gleich. Nur noch 5 Minuten.“ Ich knalle meinen Kopf in den Polster, schalte das Gequake des Handys ab. Ich muss mich noch kurz erholen von diesem Traum.

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Die Sonne sinkt

   Sonnenuntergang Es Vedra                                                  

                                                    »Heiterkeit, güldene, komm!

                                                            Du des Todes

                                                          heimlichster, süßester Vorgenuß!

                                                                – Lief ich zu rasch meines Wegs?

                                                     Jetzt erst, wo der Fuß müde ward,

                                                                 holt dein Blick mich noch ein,

                                                                 holt dein Glück mich noch ein.

                                                      Rings nur Welle und Spiel.

                                                                Was je schwer war,

                                                      sank in blaue Vergessenheit –

                                                          müßig steht nun mein Kahn.

                                                       Sturm und Fahrt – wie verlernt er das!

                                                                   Wunsch und Hoffen ertrank,

                                                                   glatt liegt die Seele und Meer.«

Friedrich Nietzsche

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Trintella Yachts – Hollands glorie uit Brabant

Wir Berts sind in einem Buch! Nein, nicht Mamabert oder Papabert, sondern nur Ilva, unsere schwimmende Berghütte – ihr Weg von der vergammelten Baustelle zum modernen Klassiker im Herzen Niederösterreichs.
Peter van der Waa und der Trintella Vriendenkring (Freundeskreis) haben das Buch herausgebracht (www.trintella.org). Es zeichnet die Geschichte der Trintella-Werft nach, widmet sich jeder einzelnen Type seit den frühen 1960er Jahren. Trintella 1, 2, 3, 3a, 4 usw. Anne Wever, der Konstrukteur wird gehuldigt als innovativer Geschäftsmann. Mit seiner Frau sind wir vor 5 Jahren noch in einer Trintella 3 in Lelystad gesessen, um einen „Schnap“ zu trinken. Das Buch erzählt von den Anfängen, vom Erfolg in den 1970ern und den schwereren Zeiten in den 80ern. Dann ging die Marke Trintella in die USA. Seit dem wurden fast nur noch große Yachten hergestellt, bis zur Trintella 65. Die klassischen Linien finden sich zwar nicht mehr, aber einen Tausch würden wir auf jeden Fall eingehen. Die Qualität stimmt immer noch.
Im Kapitel über Renovierungen von Trintella-Yachten wir haben 4 Seiten beigetragen. Ilva: Project blood,sweat and tears – „Veel dromen, maar ook bloed, zweet en tranen“. Auf Englisch geschrieben, ins Holländische übersetzt. Klingt jedenfalls gut und lustig. Nach Rücksprache mit dem Herausgeber dürfen wir die Seiten hier veröffentlichen. Wir freuen uns, an so einem schönen Projekt dabei gewesen zu sein!

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Reise extrem: Die Marsmission „Mars-One“

Wer hat beim Lesen von Bougainville nicht mal daran gedacht, selbst mit hinaus zu rudern an den Strand von Tahiti, um Muscheln zu suchen? Wer hätte nicht an Bord der Endeavour unter James Cook sein wollen, als er Neuseeland entdeckte; oder Neil Armstrong, als er den „small Step“ machte?
Aus sicherer Entfernung lesen sich die alten Geschichten wie Reisen in ein andere Welt, eine Welt, in die hinein wir uns sehnen – solange wir am Kamin sitzen und einen Single-Malt schlürfen. Unsere eigene Phantasie zieht uns in ihren Bann. Sie verbindet unsere Sehnsüchte mit schön gezeigten Erlebnissen, während wir selbst von der Realität geschützt mitträumen. Toll, nicht? Deswegen lieben wir die Literatur und das Fernsehen.
Aber wer würde schon tatsächlich mit den Matrosen in den schwimmenden Fäkalientanks tauschen wollen? Wer riskiert schon einen Trip mit Menschen, die er nicht kennt und verbringt ein Leben in Isolation, auf einem (Raum)Schiff? Der Verstand sagt: Nur wenn er muss, oder als Sklave auf ein Schiff gepresst wird. Heutzutage gibt es keine Sklaven mehr – außer in Mauretanien und trotzdem finden sich Menschen in großer Zahl, die sich bereit erklären, auf den Mars fliegen zu wollen. Das nenne ich wirkliche Isolation. Denn der Ort, an dem sich diese Menschen befinden werden ist 50.000 km/h schnell. Dagegen waren Mangelernährung und Skorbut ja ein Kinderspiel – für ein bisschen Strand, Palmen und Rum leicht auszuhalten.
Aber kann man sich tatsächlich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man sieben Monate auf einem Flug zu einem anderen „Planeten“ ist um dort mit einem Landungsraumschiff aufzusetzen? Auf einem Planeten ohne Sauerstoff? Ohne Wasser? Auf dem Stürme mit 400 Stundenkilometern jeden Stein zur Kanonenkugel machen? Mit Blitzen und minus 130°C? Gut. Wissen kann man nicht, wie es sich anfühlt, auf diesem Ort mal einen Spaziergang zu machen. Vielleicht ist es eine Wohltat, vielleicht ein Genuss für die Sinne? Ganzheitlich ist es in jedem Fall.

Den Ozean kennen wir. Ein vertrauter Ort, in tausend Facetten „gefühlt“. Manche badeten schon als Kind in Lignano oder Caorle. Außerdem kann der Mensch schwimmen. Wenn er vom Schiff fällt, kann er ein bisschen überleben, nach Hilfe rufen. Und trotz aller Vertrautheit kann schon eine Reise am Ozean auf einem Schiff zum Martyrium werden, auch wenn nichts für uns neu ist und gar nicht so tödlich wie am Mars. Wie viele Berichte gibt es, in denen von menschlichen Abgründen zu lesen ist, wo einer den anderen umbringt, vom Boot schubst, an den Mast bindet, psychisch terrorisiert, vierteilt oder an Deck totschlägt? Auf einem Schiff bleibt die Außenwelt zumindest „lebbar“.

Mars-One ist ein eigentlich nur ein Projekt der Zukunft, alles offen. Niemand weiß in letzter Konsequenz, wer das (wie lange) finanziert und auch nicht, ob die Technik im Jahr 2024 so weit ausgereift sein wird. Versuchen tun sie es trotdem und suchen Leute dafür. 200.000 haben sich gefunden – ein Fünftel einer Million. 1058 stehen nach wie vor auf der Liste. Am Schluss sollen es 20-40 Personen sein, die durch ein Publikumsvoting in einer Reality-Show ausgewählt werden. Vom Standpunkt des Recrutings ist das nun wirklich mutig – der Öffentlichkeit so viel zuzutrauen? Oder gehts eigentlich darum, die Schuld auf die Allgemeinheit abzuwälzen: So nach dem Motto: also wenn ihr euch da oben in die Haare bekommt, sind „wir“ sicher nicht Schuld. Eher noch die Erdlinge. Für diesen Auswahlprozess sollen diese Leute schon vorab in die Isolation geschickt und der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Das ist eine gute Idee, find ich. Denn wir brauchen immer mal wieder Menschen, die sich für uns opfern. Das war schon beim Jesus so, bei Kurt Cobain auch. Bald sind es die Mars-Fahrer. Wir schauen ihnen beim Opfern zu und dann fliegen sie für uns noch zum Mars – zum Mars! Wir sitzen wieder am Kamin und trinken diesmal keinen Whisky, sondern einen Henri Jayer Richebourg Grand Cru.

Ich bin tatsächlich erstaunt über die Bereitschaft von 200.000 Menschen, die Erde für immer verlassen zu wollen, um in einem Jogurtbecher am satellitären Ende der lebbaren Welt ein Dasein zu fristen – für immer! Denn ein Zurück gibt es nicht. Die Erde muss für diese Gruppe doch wirklich ein schrecklicher Ort sein! Was läuft hier schief? Sind es tatsächlich die Kriege, der Extremismus, die Umweltverschmutzung? Was bringt Menschen dazu, sich für eine endgültige Reise zum Mars zu entscheiden? Diese Entscheidung ist „total“, sie ist – aus der Sicht von Menschen, die auf der Erde wohnen – wie eine freiwillige Vernichtung der eigenen Existenz, sie ist fatalistisch, schicksalsergeben, absurd, nicht Erdling-gemäß.

Mein Staunen über diese Bereitschaft von Menschen nährt sich sicherlich auch aus der Einsicht, dass das Leben immer wieder ein paar Prinzipien bereit hält, die einfach immer gelten. Auch Lisa Nowak, eine amerikanische Nasa-Astronautin hat sich gemeldet. Sie war eine von 2432 Bewerbern – die Beste – ermittelt in nicht weniger als 123 Endrunden. Sie galt damit als das „Optimum Mensch“, kompetent genug, den Mars zu besiedeln. Dummerweise war sie verliebt in einen Mann, der auch eine andere Frau hatte. Eines Tages spürte Lisa Nowak ihre Konkurrentin auf, riss ihre Autotür auf und sprühte ihr Pfefferspray ins Gesicht. Tja, die Eifersucht! Die schwere Körperverletzung brachte ihr eine Bewährungsstrafe. Gerichts-Mission statt Mars-Mission. Nowak hatte bewiesen, dass das Menschliche des Menschen nicht so einfach in ein Schema gepresst werden kann – auch nicht in einem komplizierten Nasa-Auswahlverfahren mit tausenden von Prüfungen. Manche Menschen sind einfach crazy, wen wundert`s?

Es gibt Zusammenhänge im menschlichen Leben, die nicht zu unterschätzen sind. Man begehrt Dinge ja normalerweise dann am meisten, wenn man sie nicht haben kann. Das heißt: Ist man mal am Mars angekommen und genießt die erste Tasse heißen Kaffee, dann wünscht man sich ja nicht mehr, dass man am Mars lebt. Dann ist dieser Wunsch erfüllt. Dann wünscht man sich sicher bald etwas anderes. Nur was? Ist man erst einmal weg, wird man wahrscheinlich zu seinen „Daheimgeblieben“ eine dringliche Sehnsucht aufbauen. Das Prinzip ist genau dasselbe, wie wenn man sich am Küchentisch nach Moorea oder in die Wellen von La Reuion sehnt. Und dabei ist das nicht einmal ein wirkliches Problem, nur eines des Budgets. Und wenn auch: vieles lässt sich regeln, im Lauf der Zeit. Solange man auf der Erde bleibt, kann man die Dinge händeln. Nach La Reunion kann man segeln, auch zurück, oder nach Vanuatu. Am Mars bleibt man ewig. Egal, ob Psychose, Liebeskummer, Zukunftsängste oder das Bedürfnis, mal in ein Irish-Pub zu gehen, um sich einen umzuhängen – ein Zurückkommen ist passé, rien ne va plus.
Denken Menschen, die für immer zum Mars wollen eigentlich an die wichtigen Dinge des Lebens, bevor sie in die Rakete steigen? Wissen sie um die einfachsten Prinzipien des Daseins? Man müsste sie befragen, wenn man die Zeit dafür hätte.

Vielleicht geht es den Weltraumpilgern ja um Ruhm. Das Heldentum ist ja was, das allen etwas bringt. Bedeutende Männer und Frauen wurden schon durch die Großstädte gekarrt, bewundert, bejubelt, zu Wunderwuzis hochstilisiert. Ja, mit einer Mars-Mission wäre man sicher auch ein Held, ich bin mir sicher. Aber das Bejubeln fände nur per Computer statt, oder in der heim-eigenen Jogurtschale bei „Schlechtwetter“. Schade, das Heldentum kann man sich am Mars nur virtuell vergeistigen. Denn durch die Straßen wird man garantiert nie mehr wieder gefahren, und von Menschenmassen umjubelt schon gar nicht. Was bringt der Ruhm schon, wenn man nicht mehr auf der Erde ist? Freut man sich dann „marsianisch“, so überschäumend, so befriedigend, dass es für alle Zeiten anhält? Oder nimmt man die „Ich-freu-mich-mal-ganz-doll-Tablette“? Ich hoffe es.

Außerdem kann ein Vergleich nicht schaden, behaupte ich. Die Probleme, die bei einer Schiffsreise auftreten können, müssten ja im Vergleich zu einer jahrelangen Fahrt durch den Weltraum wie Peanuts erscheinen. Ein Schiff ist eines der primitivsten Dinge der Welt. Trotzdem liegt auch dort manchmal der Teufel im Detail, in der Konstellation des Zufalls, in der Verquickung von Einzelheiten, die eine Situation kippen lassen. Noch dazu ist man nicht alleine. Das hat Vorteile und Nachteile. Vielleicht wird die Art wie jemand niest zur Katastrophe? Vielleicht ist es die größere Zahl an Liebesbriefen, die der Mars-Reise-Kollege von der Freundin aus New York bekommt? Vielleicht ist es nur die ungleiche Verteilung von Bereichen, die abgestaubt werden müssen. Wer kann im Vorfeld schon alles ausschließen?
Die Webseite von Mars-One spricht von einem „relativ geringen Risiko“ dass etwas passiert. Das beruhigt doch ungemein. Zuerst wären acht Fracht-Missionen an der Reihe, erst wenn diese positiv verlaufen sind, dann würden Menschen in die Kapsel steigen, so die Homepage. Dann werden die ersten vier Menschen zum Mars geschossen, ausgestattet mit Geräten oder portablen Gewächshäusern, mit denen ein „Ziehen von Nutzpflanzen“ möglich sein soll. Außerdem sollen Methoden geschaffen werden, die jenen „da oben“ erlauben sollen, Plastikteile selbst herzustellen, damit sie selbst Wohnraum schaffen können. Das wäre dann der erste außerirdische Baumarkt (Hornmars oder Mars-Bau? Sicher Wall-Mars).
Skrollt man auf der Homepage weiter nach unten findet sich ein Raumschiff – ähnlich wie das Hubble Teleskop, darunter noch ein Astronaut auf Weltraumspaziergang in einem komfortablen Sessel – so wie man sie kennt – die Bilder, die um die Welt gingen, als Weltraumspaziergänge noch so interessant waren, dass sie in den Medien gezeigt wurden. Gleich neben dem Weltraumspaziergänger erscheinen muntere Gesichter, lächelnd, gut aussehend und strahlend. Als ob sie sich für den Job des Universtitätslektors bewerben würden.
Ob den Machern dieses Werbeereignisses selbst klar ist, worauf sich ihre Probanden da einlassen? „The next giant leap for mankind“ steht unterhalb der Jogurtbecher geschrieben – dazu sag ich nun mal nichts mehr. Außerdem steht immer noch die Frage im Raum, was denn der „erste“ Schritt eines Menschen außerhalb der Erde wirklich gebracht hat. Brauchen wir da schon den „Nächsten“? Warum bevölkern wir eigentlich nicht den Mond? Das wäre doch viel kürzer und einfacher. Und Stürme gibts da oben auch nicht. Man kann auch noch nach Hause sehen.
Was wird es bringen, wenn ein paar unserer Abkömmlinge am Mars herumspazieren? Wer wird sich nach einer ersten überschäumenden Begeisterung für das Leben „da oben“, „da unten“, oder „drüben“ noch interessieren? Wir alle wissen, wie schnell die Begeisterung nachlässt, wie schnell wir Menschen uns an Dinge gewöhnen, von denen wir nicht direkt betroffen sind.
Was, wenn die da oben zurück wollen? Haben wir dann die Technik, sie wieder nach Hause zu holen? Wer wird das bezahlen? Die Marsianer selbst? Mit welchem Einkommen? Sagt man ihnen dann: Hey, ihr habt euch selbst da rein geritten, jetzt müsst ihr die Suppe auslöffeln? So wie im Film?
Eine Lebenszeit ist verdammt lange. Das merkt man aber erst, wenn man in einer Situation ist, die man nicht mehr kontrollieren kann. Das kann eine Krankheit sein, ein Sturm auf hoher See, soziale Wünsche oder Bedürnfisse, die nicht eingelöst werden können. Was, wenn sich lebensbedrohliche Probleme am Mars ergeben und wir können den Menschen da oben nicht helfen? Schauen wir ihnen dann per Standleitung zu, wie sie langsam dahinvegetieren? Ich hoffe, dass das Programm dann geändert und auf Studioaufnahmen umgeschaltet wird! Ansonsten wird das wirklich archaisch und erinnert an die Sklaven in der Löwengrube!
Ich behaupte, die, die sich gemeldet haben können nur Naivlinge sein, die von irrationalen Sehnsüchten gequält werden – so gequält, dass sie gleich jede Beziehung zur Erde abbrechen. Lisa Nowak ist dreifache Mutter, auch Tochter, vielleicht auch Tante oder Schwester. Beschränken wir uns mal auf die Erledigung der einfachen Dinge, ehe wir in den Weltraum greifen! Anerkennung, Wertschätzung, Moral, Gerechtigkeit und so. Beginnen wir mit unseren Kindern! Das ist auch ein Abenteuer.

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Von Porto Venere bis Marina di Cecina

„Schau mal, können wir da durchfahren?“, frage Max. Er zeigte mir die Karte. Auf dem Weg in die Bucht von La Spezia könnten wir eine Meerenge durchqueren, da würden wir sicher eine Stunde Fahrtzeit sparen. Ansonsten müssten wir rund um eine Felsinsel, sind ein paar Meilen extra. Gut. Das Problem war nur: Die Einfahrt sah eher aus wie eine Garageneinfahrt für Mopeds. Aber: Es wurde schon langsam dunkel und wir wussten nicht, was uns in der Großbucht von La Spezia erwarten würde.
Nun ja, es hatte dort in der Durchfahrt mindestens zwei Meter Wassertiefe, das würde sich ausgehen. Und breit waren wir ja ohnehin nicht. Es war auch eine beleuchtete Tonne eingezeichnet. Nun gut, wir würden es versuchen. Eine Stunde einsparen war immer gut, wer weiß, wie lange es noch dauert bis zum ersten Sundowner?
Wir kamen der Stelle näher. Langsam aber sicher schob uns unsere Maschine der Ligurischen Steilküste näher. Schon vorher beobachteten wir Orte, direkt in die Steilküste gebaut. Vom Meer aus sah das verdammt spektakulär aus.
Das musste Riomaggiore sein. Der südöstlichste Ort der „Cinque Terre“, ein klimabegünstigter Küstenstreifen an der ligurischen Küste, ein Nationalpark, in dem nichts mehr verändert werden darf – zum Glück. Das nächste Reiseziel war damit schon markiert. Wandern bei Riomaggiore – wer kommt mit?
Je weiter wir der Meerenge kamen, desto mehr Details erkannten wir. Rechts der Durchfahrt begrenzte eine Insel den Schlitz, links das Festland, die Steilküste Liguriens.
War das ein Fort, dort gleich links neben der Durchfahrt? War das eine Kirche, direkt am Felsen, die die Einfahrt begrenzt? Wir Staunten im Minutentakt. Woh, Ah, Oh, … uns blieb der Mund offen stehen.
Ein Großes Fischerboot kam uns entgegen – mit Volldampf. Die hatten es eilig. Ok, also hier wird durchgefahren, das war nun erst sicher. Es war nun schon fast ganz dunkel. Dann die Durchfahrt, ca. dreißig Meter breit. Tatsächlich schiffbar war aber nur ein schmaler Kanal. Links neben uns am Felsen stand eine genial aussehende Kirche aus Marmor, dahinter eine Festung, rechts von uns ein schroffer Felsen; und gleich hinter der Kirche das erste Restaurant, direkt an der Durchfahrt gelegen. Nur Gäste waren keine zu sehen.
Kaum hundert Meter weiter öffnete sich die Durchfahrt zu einer Bucht. Wir fuhren mitten durch einen Ort, der aussah, als hätte ihn Friedensreich Hundertwasser vorher gemalt und eigenhändig in den Fels gemeißelt. Haus an Haus, jedes mit einer eigenen Optik, jedes mit einer eigenwilligen Fassade. Manche waren leicht schräg nach hinten gelehnt, andere standen gerade. Es war ein Traum, hier im Schneckentempo vorbeizugleiten. Kein Fenster war mit einem anderen nur irgendwie auf einer Linie. Hundertwasser halt.
Direkt vor uns ragte ein kurzer Steg in die Bucht. Da lagen kleinere und größere Yachten. Direkt vor uns waren noch zwei Plätze frei. Was wäre nun besser, als hier festzumachen? Nichts. Und so lagen wir fünf Minuten später vor einer Traumkulisse, die schöner nicht sein konnte. Zum Glück hatten wir uns vorher nicht über den Ort informiert, der Überraschungseffekt wäre dahin gewesen. Nicht immer bringt ein Reiseführer Glück!

Nur eines war nicht ganz klar. Es konnte uns niemand sagen, wem dieser Steg gehörte, und ob es hier ein Marinabüro gab. Auch der freundliche Engländer neben und war gerade erst gekommen. Seine Kinder schliefen, er saß mit seiner Frau bei einer Flasche Wein im Cockpit.
Er beruhigte uns, in dem auch er sagte, er werde morgen einfach mal nachsehen gehen. Na dann, prost.
Wir besuchten die Gassen, den Hafen – in dem bis auf ein paar Ausnahmen und entgegen St. Tropez – nur kleine Fischerboote lagen. Eine Perle sagten wir uns, eine Perle so nahe an Österreich. Wie lange fährt man hierher mit dem Auto?
Ein Hotel bestand aus einem Turm einer Burg, die direkt angeschlossene – wahrscheinlich noch ältere Kirche mit schiefem Eck war ein Bürogebäude, das Dach der Kirche die Terrasse für gutbetuchte Urlauber, die hier nächtigten. Ein Wahnsinn für das Augerl.
Tatsächlich war der Ort eine Halbinsel. An seiner Nordseite, das konnten wir in der Nacht noch gut beobachten, musste hier der Fels abgebaut worden sein. Die tiefen Einschnitte sahen irgendwie künstlich aus, luden aber zum Baden ein. Das Wasser war herrlich sauber, die Felsen dunkel, wie Marmor. Man fühlte sich zurückversetzt in die 60er Jahre, als die Menschen noch knappe Badehöschen trugen und mit dem VW-Käfer an den Strand fuhren.
Recherchen ergaben, dass hier früher mal der „Nero Portoro“ (das bedeutet Schwarz-Goldener Stein aus dem Hafen) abgebaut wurde, einer schwarzer Kalkstein, der nur hier in Ligurien vorkommt; durchzogen mit goldenen oder weißen Adern, für Kunstobjekte, kleine Briefhalter oder Tintenfässchen.
Nun konnte man deutlich die Spuren des Abbaus erkennen. An jeder Ecke rund um den Ort wurde abgebaut. Auch die Mole war mit großen Steinen durchsetzt, die allesamt nach Marmor aussahen – antiker Reichtum. Der ganze Ort – eine Zeitreise!

Doch schon am nächsten Tag mussten wir weiter. Der letzte Reisetag stand bevor. Wir mussten Cecina erreichen. Dort würden wir von Mamabert samt Freundin empfangen werden. Na dann – Aufbruch! Aber vorher noch zum Hafenmeister. Nur: Wo war der? Der Tankwart der nahen Autotanke war so freundlich, den Hafenmeister anzurufen. Er kam prompt und verlangte 50 Euro. Mille Grazie! Wir werden wieder kommen, wenn einst Ilva in Cecina liegt! Oh ja!
Vor Marina di Cecina ragt ein Atomkraftwerk fast bis ins Meer. Ein Atomkraftwerk? Aha, deswegen ist der Hafenplatz so billig. Aber nein, sagte man uns, das ist kein Atomkraftwerk, sondern ein Werk für die Soda-Erzeugung. Ok, Soda braucht man ja hin und wieder – spätestens im Cocktail tut Soda gut. Also dann – bitte weitermachen.
Entlang der Küste ging es gegen den Wind weiter Richtung südost. Mindestens vier Windstärken waren das schon. Dementsprechend langsam schoben wir uns in Richtung Cecina. Der Bug ging auf und ab. Die heranrauschenden Wellen machten aus der Fahrt einen Ritt auf einem wild gewordenen Stier.
Herbert nutzte die Vorschiffskabine für ein erholsames Nickerchen, während wir schon hundert Rodeo-Punkte erhalten haben mussten. Immer wieder hob er am Bauch liegend ab – und setzte im Wellental wieder auf. Was hatte er wohl geträumt?

Der Hafen sah irgendwie anderes aus als auf der Karte. Die Einfahrt? Rechts? Links? Wo? Ja, dürfte neu angelegt worden sein, die Einfahrt war auf der anderen Seite. Ok, nun wussten es auch wir.
Der Empfang war so, wie man sich einen Empfang vorstellt. Mamabert mit Babybauch und in schönstem Weiß gekleidet, unsere Freundin, mit der wir auf Cabrera waren und die in Monfalcone schon unsere Panne mit dem einlaufenden Tankwasser miterlebt hatte, war auch da. Was konnte es Schöneres geben? Die Marineros waren schon nach Hause gegangen und hatten Mamabert noch den Platz gezeigt, in den sie uns einweisen sollte. Ab 19:00 Uhr war hier keiner mehr zu sehen. Also wenn Mamabert da ist, brauchte es auch keine Marineros. Wer hatte schon mehr Erfahrung im Anlegen als Mamabert?
Auch hier in Cecina waren im Hinterland sehr schöne Ort versteckt. Klar, das ist doch schon die Toskana! Hier liegt Elba nur 25 Seemeilen entfernt, andere Inseln des „Arcipelago Toscana“ noch näher, Korsika 60 Seemeilen. Wir finden es hier sehr schön, sehr urlaubswert. Und die Freundlichkeit der Italiener bestätigt uns darin, noch für ein paar Jahre hier zu verweilen, um das zu tun, was das Leben über alles hinweg lebenswert macht: Segeln und Freunde haben.

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