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Nachtrag: Reggio: Welcome to Saverio-Land

Die Marina in Reggio besitzt den Charme eines Betonbassins der späten 70 Jahre. Der Hafenboy sieht ruhigen Gewissens zu, wie der Bug der Yacht der Kaimauer unsittlich nahe kommt und auch, wie Mamabert mit der Grazie einer Seekuh vorn über den Bugkorb hechtet, um diese aufzuhalten.
Es windet stark – Ilva ist kaum von der Kaimauer fernzuhalten – die Moringleine muss mit Hilfe eines motorisierten Beibootes durchgesetzt werden. Trotz Zweifeln des Skippers ist es laut Havenboy nicht nötig, eine zweite Leine zur Sicherheit zu erhalten und eine Spring auszulegen ist nicht erlaubt. Na Bravo – ein herzlicher Empfang dafür, dass die Marina halb leer steht und das zur Hauptsaison.
Aber seis wie es sei – wir riechen die „City“ und erinnern uns all unserer Wünsche, die wir auf See erfolgreich verdrängt haben. Kindbert will seine verloren gegangene Angelrute durch eine neue ersetzen, das Ende von Papaberts einzig sozial-verträglicher kurzer Hose nähert sich in riesen Schritten (sprich Löchern) und dann wär da noch eine potentere Nachfolgerin der 7-Euro Sonnenbrille von Mamabert gesucht.
Kurz: Wir haben Wünsche und Begehren und dem soll Rechnung getragen werden. Doch zuerst – der übliche Schönheitsschlaf. „Hello! Salve! Hello, Austria“ schallt es über den 40 Grad heißen Schatten. Im Boot regt sich nix – wir haben keine Lust. Aber das scheint ein örtlich ungültiges Signal zu sein. Die Rufe werden lauter. Schicksalsergeben kriecht Mamabert – im Bikini – unter dem Sonnensegel zum Bug und steht einem kleinen, älterem Herrn gegenüber, der sie gnädig begutachtet und ihr eine Karte hinhält. Saverio ist sein Name, sein Geschäft im Hafen: Einfach alles. Vom Reggio-Guide, über privaten Käse und Weinverkauf, Taxifahrten, Bootsservice und Ersatzteilhandel bis hin zum Wäscheservice.
Alles ist möglich – Best Service – best Price. Er überreicht mit reichlich Stolz lächelnd seine Visitenkarte mit ausschweifender italienischer Erklärung. Schläfrig und etwas überfordert gibt sich Mamabert untentschlossen und verkriecht sich wieder in ihre Höhle. Sache erledigt? Weit gefehlt. Als wir (Anm.: Stunden später) Richtung Bahnhaltestelle flanieren und an der Marinareception (einem Metallcontainer mit Plastikstühlen davor) vorbeikommen, wetzt Saverio unglaublich behende auf uns zu und bietet seine Dienste dem Capitano an. Unentschlossene sind ja bekanntlich die besten Opfer, wenn es heiß ist überhaupt. So sitzen wir in seinem Taxi und freuen uns darüber, dass 10 Euro eine gute Investition sind und wir dann in der City wenigstens früher zum Essen kommen. Da haben wir Saverio noch nicht gekannt. Lächelnd bleibt er bei Affenhitze voll entspannt und überreicht uns eine Anzahl von Kopien, wo er in einem amerikanischen Reiseguide der 80er Jahre für seine Originalität und Dienste als Lokalcolorit gelobt wird. Es wird dies auch laut durch ihn verlesen, Punkt für Punkt. Witzig, aber nein, kaufen wollen wir nichts, jedoch können wir nun in die City fahren? Sicherlich — Wir kriegen auf italienisch erklärt, was an uns vorbeirauscht: Nein, wir brauchen keine Früchte. Kurz darauf halten vorm Iper Simply Einkaufsmarkt an der Ausfahrtsstraße irgendwo Richtung Norden. Das ist nicht die City. Saverio verlässt das Taxi und geht hinein – wir bleiben verdutzt zurück und Mamabert kriegt den ersten Lachkrampf. Was wird das? Saverio kommt kurz danach mit einer Palette Bier und einer 6er-Packung Tiefkühleis-Kornettos (Schoko-Vanille nicht Erdbeer, tja leider) für Bambino und uns. Naja, jetzt wirds wohl ins Zentrum gehen – die Eise zergehen schon. Die Straße schaut gut aus, die Richtung auch, aber gleich danach gehts rechts raus in eine Siedlung. Saverio telefoniert, winkt aus dem Fenster, hält vor einem Einfamilienhaus. Es kommen weitere Männer – räumen den Kofferraum aus und wieder mit anderen Dingen an. Unser Erstaunen kennt keine Grenzen – unsere Geduld schon. Na jetzt wirds wohl werden, sicher hat er nur kurz was gebraucht.

Aber da gehts auch gleich wieder weiter, wir brausen an seinem Haus vorbei und halten wenige Kurven weiter vor einer kleinen Lagerhalle aus Blech. Saverio wieselt heraus, öffnet die hintere Tür – ein Ersuchen ums Aussteigen – und verschwindet in der Hütte. Wir verlassen (jetzt schon leicht verzweifelt, aber immer noch wohlerzogen höflich) das Auto, in der Hand schmelzen die Kornettis – welche Mamabert rasch an den Mann bringt.

Ein Tor wird zurückgeschoben, wir stehen in einer Werkstatt, Boote hängen von der Decke. Maschinen und Gerätschaften, viele Kühlschränke, Neonleuchten, eine Kinette. Wir fühlen uns entführt – ohne Stockholmsyndrom. Saverio ist ob unserer Blicke unbeeindruckt, wahrscheinlich reagieren alle seine Gäste bei seinen Überraschungsfahrten angfänglich so und er ist es gewöhnt. Es öffnet sich das Tor vorne und ein Strand mit Katzen, ungefallenen Bäumen, allerhand Kramuri und einem bellendem Hund in einem selbstgemachten Zwinger mit einem Napf rohem Fleisch wird sichtbar. Wie kommen wir nun in die City? Saverio heißt uns mit unerbittlicher Liebenswürdigkeit willkommen, tätschelt Hände, bringt Stühle. Öffnet eine Flasche Wein, füllt unsere Gläser und begibt sich zu einem der vielen Kühlschränke wo er einen Laib Käse mit einem großen Messer bearbeitet und uns Kostproben überreicht. Er war früher Marinero, dann Cucinero, dann Skipper, jetzt macht er alles. Ah….wir sind auf einer Promotion-Tour. Es werden Erinnerungen an lange und mühselige Werbe-Busfahrten aus unserer Kindheit mit unseren Großeltern wach. Kindbert ergibt sich als erster und geht mal zum Meer.

Der Ausblick auf der anderen Seite der Hütte ist genial, wir sind verblüfft. Ein kleiner Naturstrand, Messina am anderen Ende der Meeresenge erscheint uns als ein reizvolles Ziel und wir wünschen uns dorthin, oder wenigstens in die City von Reggio. Aber es hilft alles nix, die Gläser werden nachgefüllt. Essen wär jetzt gut. Statt dessen wird Mamabert schier aufgefressen vor Zuneigung (die auch inbrünstig gezeigt wird, sobald Papabert sich auch nur kurz umdreht) Papabert wird mit Alkohol abgefüllt, die Nachbarn kennen wir weitere 30 min später mit Vornamen. Sie sind sehr nett. Es wird uns ein gratis Ankerplatz angeboten.
2 Stunden später haben wir 6 Flaschen Wein gekauft und einen ganzen Laib Käse (weil einen halben gibts nicht, leider) und sind nun endlich anscheinend (kauf)willig genug gewesen um nach Reggio gefahren zu werden. Noch Obst – weil da wär die Gelegenheit? Aber nix da, der Capitano bleibt hart und will in die City – wir verlassen das Taxi mit einem Tipp für eine Pizzeria und freuen uns, es überstanden zu haben. Müde gehen wir durch eine Gasse, sind extrem hungrig und geschafft und spazieren nach dem Essen, welches tatsächlich gut und günstig war, zu Fuß zurück zu Ilva. Wär gar nicht so weit gewesen.

Am nächsten Morgen schon hilft Saverio erneut. Die Tankstelle der Marina hat geschlossen – für uns ein Desaster, weil unser Tank ist leer, so kommen wir nicht von hier weg. Doch rasch sind Kanister organisiert – Taxi? Selbstverständlich gern und schon gehts ab zum Dieselkauf, 100 Liter. Danach werden noch Lebensmittel gebunkert und Früchte in Saverios Obstgeschäft gekauft. Sehr lecker.

Das übernächste Schiff im Hafen gefällt uns – es sind Annaberger auf Weltumsegelung. Sehr witzig –  trinken abends ein Bier am Pier, tauschen uns aus und sehen Saverio zu, wie er Geschäfte an Land zieht – aus sicherer Entfernung. Gleich am nächsten Morgen wollen wir wieder los. Unsere Shoppinggelüste sind verflogen – wir müssten ja stets an Saverio vorbei, der sichtlich traurig ist, als wir ihm mitteilen, dass wir früh ablegen. Warum, das wissen wir nicht. Vielleicht gabs zu wenig Geschäft dieses Jahr, vielleicht auch zu wenig Gesellschaft. Wie auch immer, wir sind der Überzeugung, Reggio ist eine tolle Stadt, auch wenn wir sie letztlich gar nicht gesehen haben.

Kurz vor dem Ablegen meldet uns ein dumpfes Geräusch, dass etwas auf unser Boot gefallen ist. Croissants — wir rufen noch Mille Grazie hinter Saverio her, der winkend über den Pier radelt und legen ab.

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Kategorien: Reise Angenehm | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

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