Nachtrag: „Bei Italien unten dann rechts“

„Bei Italien unten dann rechts“ lautete oft die Antwort auf die Frage: „Wo wollt ihr denn eigentlich hin?“. Bei Italien unten dann rechts. Je näher das Ende der Bauphase rückte, desto öfter wurde sie gestellt, so schien es uns. Aber what the hell bedeutete das eigentlich? Etwaige Leerstellen taten sich bei Befragten und den Befragern auf, was den Gesprächsfluss normalerweise aber nicht hemmte.
Yachten haben ja keinen Blinker, vielleicht ein paar Lichter in allen möglichen Farben, aber dieses Rechts-Abbiegen war leichter gesagt als getan, ohne Vorstellung vom Spurwechseln auf einem Meer.
Jetzt – bei der ersten Ankerwachen – und nach dem Abbiegen – gibt es zumindest einige Antworten, die den damals Fragenden auf diese Weise nachgereicht werden können. Wer mittlerweile eine Antwort gefunden hat, kann nun getrost in anderen Websites surfen – wer sich vom nachfolgendem Text eine erwartet, wahrscheinlich auch.
So wagen wir eine lose Zusammenschau äußerer Veränderlichkeiten, die uns bei der Durchreise ins Auge gesprungen und im Hirn geblieben sind – oft auch ohne Sinn und Zweck.

 1. Die Grillen zirpen leiser, die Stranddiskotheken werden hingegen lauter. Lauter wird auch unser Beiboot und potenter! Endlich haben wir einen Außenborder erstanden. Honda 2.3 Aircooler. Die Fischer in Ciro Marina waren erstaunt, wie rasch sich unser Portaklappboot aus der Nachkriegzeit (wenn du es mal nicht findest, such nach einem beigen Ikea-Kasten oder einem umgekippten Bücherregal) zu einem 007-Bond-Mobil aufrüsten lässt.
Verdanken tun wir den Erwerb des Motoris erstaunlich vielen Personen, die uns unterstützt haben – der freundlichen junge Herr im Marina-Hafen-Beisl, der – ohne uns genau zu verstehen – unser persönliches Taxi-Unternehmen war, weil es im Ort kein Taxi mehr gibt. Ob das wegen der Krise ist, war nicht zu klären. Signore Salvatori Flori und seine Mannen im Flori Motori Shop (den wir hiermit ausdrücklich lobend erwähnen wollen und der bitte wirklich so heißt!!), die – immer heiter wie es uns erschien – trotz unseres wahrscheinlich eigenartig anmutenden Auftritts (aus dem Nichts erscheinend, mit etwas Bargeld in der Hosentasche, ohne Fiskalnummer (wos is des?), Ausweis, Italienisch-Kenntnissen und mit tagelang getragener Wäsche) Geduld, Muße, Humor und ihr Wort gehalten haben.

2. Die Siestas werden ernst genommen, dann gibts auch kein Essen in der Bar Centrale, in der abends auch der Wein endete, aber schon bevor der Kapitano bestellte!

3. Hässliche Bettenburgen weichen richtigen Castellen aus alter Zeit.

4. Manche Dinge des täglichen Lebens werden (noch) billiger, wie z.B. Liegeplätze oder Wassermelonen. Letztere bleiben leider dennoch gleich schwer und stellen somit trotz ihrer Beliebtheit bei der Crew eine Herausforderung für die Einkaufslogistik dar. Wasser oder Wasserlemone – beides ist einfach nicht zu „dazahn“. Andere Sachen verschwinden gänzlich aus dem Blickfeld, z.B: Sauerrahm oder Wetterberichte oder die Duschen in den Marinas.

5. Englisch als Mittel zur Verständigung und W-Lan als Mittel zur Verbindung zur Außenwelt werden zur Gänze unnützt, bzw wirken extraterrestrisch. Da hilft ja spanisch noch besser um in Internetcafes schwitzend vor überalterten Win 98 Programmen zu sitzen beim Email schreiben.

6. Die Delphine (auch die Quallen bittesehr) sehen hier größer aus und sind viel weißer, was gut ist, weil man sie dann besser im Wasser ausnehmen kann.

7. Es bellen viel mehr Hunde in den Gärten der Häuschen in den kleinen Buchten. Wir sehen auch weit mehr Müll – zu Wasser und zu Land, leider – und es galt, die ersten Ölplattformen zu umrunden.

8. Die Kursnadel zeigt schon ein W (vielleicht steht es ja für „winterlich warm“) vorne in der Kurve und die Sonne scheint nun kaum mehr nach Mittag über der rechten Schulter sondern meist von schräg rechts vorn. Das ist gut, weil damit stimmt der Kurs, aber auch blöd, weil da nutzt das Sonnensegel vom Cockpit nix.

 9. Manche „neu erworbenen alten“ Bücher werden aus dem Regal nach vorne gekramt und nächtens gelesen, z.B. das Thyrrenische Meer, 1979 (im Hafen mit Urs aus der Schweitz gegen das Pielachtalbuch von Fritz getauscht), andere werden begeistert nochmals von vorne begonnen, wie z.B. Tom Sawyer von Mark Twain, weil es Kindbert hinlänglich amüsiert.

10. Es gibt nicht mehr soviel zu fluchen wenn die Selbststeueranlage neu justiert werden muss und letztens gelang sogar ein Manöver, ohne sie auszukuppeln. Wenn der Wind dann noch wenigstens etwas gehustet hätte, hätts funktioniert. Ganz sicher.

11. Der Geschwindigkeitsmesser möchte sich anscheinend nicht mehr aufs schnöde Messen reduzieren lassen und hat seinen Job an den Nagel gehängt, gleich neben ihm hat Garmin erfreulicherweise endlich akzeptiert, dass Yachtunfälle vor der kroatischen Küste außerhalb unserer Reichtweite liegen und endlich aufgehört „Notfallsignal“ zu piepsen. Dies tat er beinahe ohne Unterlass die letzten 3 Tage – was sein sonstiges 24h-Engagement auf eine Breaking-News-Tätigkeit beschränkte.

Um die Ecke ist eben vieles anders, mehr, als man zuerst denkt. Manches bleibt aber auch gleich: Die klaren Sternenhimmel, die Tagesetmale rund um die 40 Seemeilen um nach Sizilien zu kommen bevor der Herbst da ist, die Herausforderung, dass 3 unterschiedliche Personen ihre Bedürfnisse auf kleinstem Raum stillen wollen, die Schwimmrunden ums Boot (absolutes Novum: Quallen-Ausguck vom Deck aus, damit die Schwimmer sie nicht zwischen die Zähne kriegen) und die gemeinsamen Fussball-, Schnorchel- und Brettspiele, die abendlichen Spaziergänge, die Sorge um die Funktionstüchtigkeit aller Gerätschaften, die nächtlichen Gelsen-Jagden nach harten Attacken, das Telefonieren mit zuhause zu feierlichen Anlässen. Auch der Sound von Kindberts Tom-und-Jerry-Collection und das Lachen von Alf über unsere Boot-Sound-Anlage – und unseres hoffentlich auch.

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